Bulgarien - Der Podcast: 3. Diliana Dilkova, Die Roma in Bulgarien

Als Ausbilderin von Gesundheits-Mediatoren arbeitet Diliana Dilkova seit ungefähr 15 Jahren eng mit Roma in Bulgarien zusammen. In diesem Experten-Interview erzählt sie, warum das Jahr 1956 eine entscheidende Bedeutung für die Roma-Gemeinschaft in Bulgarien hat, ob alle Roma die gleiche Sprache sprechen und warum es schwer ist, die Frage “Wieviel Roma leben in Bulgarien” zu beantworten. Wir unterhalten uns über typische Roma-Bräuche, darüber, was Roma über Bulgaren denken und wie man Vorurteile abbauen kann.

 

Links zu dieser Folge:

Nationales Netzwerk der Gesundheitsmediatoren

Original-Interview auf Bulgarisch/Оригинал на интервюто на български език Диляна Дилкова, Ромите в България:

"Bulgarien - Der Podcast" ist ein Interview-Podcast über Bulgarien, in dem wir spannende, offene, ganz persönliche Gespräche mit Gästen aus allen Bereichen und Gesellschaftsschichten führen. Was sie eint, ist der besondere Blick auf ein Bulgarien jenseits der Klischees. Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft, Reiseziele, Geschichte, Essen und Politik sind einige der Themen dieses Podcasts.

 

Gastgeberin ist Dr. Sibila Tasheva - Autorin ("111 Gründe, Bulgarien zu lieben"), Reiseveranstalterin (www.tact-bulgarien.de), Unternehmerin und Kletterin (www.tact-muenchen.de) und Juristin. Sie verbrachte die ersten 18 Jahre ihres Lebens in Bulgarien und die nächsten 18 in Deutschland, heute pendelt sie zwischen den beiden Ländern und lässt in diesem Podcast ihre persönlichen Erfahrungen aus beiden Kulturen einfließen.

 

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Der Titelsong unseres Podcasts kommt von dem bulgarischen Sänger und Songwriter Petko Slavov und heißt “Velika samota”.

 

Das Cover dieses Podcasts stammt von der Illustratorin Brigitta Heim.

 

Interview mit Diliana Dilkova: Die Romas in Bulgarien (Transkript)

I/ Das Bild der Mehrheitsbevölkerung von Roma wird von den fahrenden Händlern geprägt. Trifft diese fahrende Lebensweise heutzutage für die bulgarischen Roma zu?

D/Dieses fast schon romantische Bild des Lebens der Roma als nomadisches Wandervolk ist weit von der Realität entfernt. Es hat sich viel verändert seit der Zeit, als die Roma tatsächlich ein fahrendes Volk waren. Ich spreche jetzt konkret von Bulgarien, da die Situation der Roma in jedem europäischen Land anders ist. Ihre Lebensweise ist unterschiedlich. 1956 wurden die Roma in Bulgarien per Dekret gezwungen sesshaft zu werden. Diese Zeit markiert quasi ihre Sesshaftigkeit hierzulande. Sie sind einfach dort geblieben, wo sie gerade waren.

I/ War vor dieser Zeit die Mehrheit ein Wandervolk?

D/ Früher waren sie ein fahrendes Volk, schon seit der Zeit ihrer Auswanderung aus Indien. Sie waren in zahlreichen Ländern unterwegs, verdienten ihr Geld als Handwerker. In der Türkei zum Beispiel waren sie für die Armee tätig. In Rumänien wurden sie versklavt. Ihre Situation war je nach Land unterschiedlich.

I/ Und in Bulgarien?

D/ In Bulgarien sind die Roma verschiedenen Handwerksberufen nachgegangen. Eigentlich ist das die größte Gemeinsamkeit der bunt gemischten Roma-Untergruppen, denn sie unterscheiden sich intern nicht nur nach der Religion, sondern auch nach dem ausgeübten traditionellen Handwerk.

I/ Kann man sie dann trotzt Handwerk als Wandervolk wahrnehmen? Ich meine vor 1956?

D/ Eigentlich gibt es immer noch Roma, die einem mobilen Handwerk nachgehen. Zum Beispiel die Pfannenflicker. Es gibt eine große Bevölkerungsgruppe, die sich die thrakischen Pfannenflicker nennt. Sie beschäftigen sich traditionell mit dem Verzinnen von Kochgefäßen.

I/ Was macht man eigentlich beim Pfannenflicken?

D/Na ja, beim Pfannenflicken wird Kochgeschirr repariert und dadurch wieder gebrauchsfähig gemacht. Ich kenne mich mit der Technologie nicht genau aus, aber früher, als solche Roma die Dörfer besuchten, blieben sie dort mehrere Tage und alle Dorfbewohner brachten ihnen ihr Kochgeschirr zum verzinnen. So wurde das Kochgeschirr wieder gebrauchsfähig gemacht. Vor kurzem, vielleicht vor 3-4 Jahren, sind wir ganz zufällig bei einem Spaziergang im Kreis Targoviste am Ufer eines Stausees einer solchen Romafamilie begegnet. Sie hausten ganz traditionell in einem Zelt, davor das Gespann aus Pferd und Karren. Das waren genau solche Pfannenflicker. Man kann also sagen, obwohl aktuell nicht oft, dass mancherorts die alte Handwerkskunst noch lebendig ist. So zum Beispiel in Südwest Bulgarien, im Bereich von Leschten. Das ist in der Nähe von Gotse Delchev. Dort gibt es Dörfer, am Rande dessen Roma leben, die Körbe flechten. Sie flechten auch wunderschöne Laternen. In den dortigen Kneipen kann man ihre Handwerkkunst bewundern. Es gibt auch Roma, die Bambusteppiche flechten - auch eine Art traditionelles Handwerk. Andere Bevölkerungsgruppen, zum Beispiel im Kreis Russe, sind darauf spezialisier aus gehärtetem Eisen verschiedene Werkzeuge herzustellen. Man nennt sie Bugurdzje (Bohrermacher). Die stellen Messer her. Es gibt auch eine andere Untergruppe in Bulgarien – die Lingurari (Löffelschnitzer). Sie stellen traditionell Gefäße und Löffel aus Holz her. Sie sind mit der Untergruppe Mechkari (Madari) verwandt, die früher dressierte Bären und Affen in den Innerstädten präsentierten.

I: Was geschah 1956?

D: 1956 verabschiedete die kommunistische Regierung ein Gesetz, was diese Leute zur Sesshaftigkeit verpflichtete. Dadurch wurden die Roma gezwungen sich an die Struktur der Gesellschaft anzupassen. Wenn sie bis dahin ein Nomadenleben geführt haben und als ausgegrenzte Minderheit bzw. Außenseiter für die Menschen in den besuchten Siedlungen galten, begann 1956 ein Prozess, oder eher ein Versuch, sie in die Gesellschaft über die Produktionskette aufzunehmen. Denn in dieser Zeit begannen die Roma massenhaft die Schule zu besuchen. Man achtete darauf, dass die Kinder in die Schule gehen. Sie gingen nach dem Schulabgang einer Arbeit nach, wenn auch im Niedriglohnsektor – in landwirtschaftlichen Großbetrieben oder Werken bzw. Fabriken.

I: Kann man hier von einer gelungenen Integration der Roma sprechen?

D: Ich würde es nicht Integration nennen. Obwohl wir sagen können, dass sich in der Zeit der 1950-er Jahre und später, durch das verbesserte Bildungsniveau und die Integrierung in den Arbeitsmarkt, der Lebensstandard der Roma im Vergleich zu vorher deutlich verbessert hat. Früher hatten sie keinen Zugang zum Gesundheitssystem ... Die sozioökonomischen Bedingungen waren schlichtweg schlecht. Aber dank dieser Pauschalisierung, die irgendwie für alle galt, konnten sich die Roma weiterentwickelt und ihre Lebenssituation verbessern.

I: Hat sich das mit der Wende 1989 geändert?

D: Ja, es hat sich geändert. Denn eigentlich waren die Roma während der kommunistischen Diktatur nicht wirklich integriert. Die kulturellen Unterschiede wurden nie überwunden. Irgendwie mangelte es auch an Erfahrung bei der Aufarbeitung der Unterschiede. Das Gute in Bulgarien im Vergleich zu anderen Ländern ist, dass die Roma in Wohnsiedlungen entweder direkt oder am Rande der Ortschaften hausen, ganz in der Nähe. Bei uns gibt es keine Roma-Wohnsiedlungen, die 5 km abseits von der nächsten Ortschaft oder Stadt in den Bergen liegen. Dadurch wurde den Kindern der Schulbesuch nicht verwehrt. Auch der alltägliche Kontakt zwischen den beiden Ethnien – Roma und Bulgaren – wurde hierdurch aufrechterhalten. Das heißt, sie leben, obwohl in verschiedenen Stadtteilen oder Wohnsiedlungen, nicht vollkommen voneinander isoliert. Wenn sie heutzutage die Leute im Alter unserer Eltern fragen, dann erinnern sich die meisten an ein Zigeunerkind, mit dem sie damals in ihrer Kindheit gespielt haben. Ein Kollege von mir erinnert sich heute noch, wie ihm ein romastämmiges Mädchen beigebracht hat, sich die Schnürsenkel zu binden. So gesehen waren die Kontakte auf Ebene der Alltagskommunikation Tatsache und Normalität. So etwas ist heutzutage eher die Ausnahme als die Regel und man würde es beeindruckend finden. Jetzt ist die Kluft zwischen Roma und der bulgarischen Mehrheitsbevölkerung viel größer, obwohl wir uns um Integration bemühen.

I: Wie hoch ist die Zahl der in Bulgarien lebenden Roma?

D: Laut offizieller Statistik leben in Bulgarien derzeit etwas über 300 000 Roma. Inoffiziell aber (nach Angaben der NGOs) geht man von einer mindestens doppelt so hohen Zahl aus. Das würde fünf Prozent der Bevölkerung nach offiziellen und 10% nach inoffiziellen Angaben ausmachen. Hier muss man jedoch bedenken, dass sich in den Volkszählungen erfahrungsgemäß die Roma unterschiedlich identifizieren. Die Mehrheit der Roma muslimischen Glaubens gibt sich als türkischstämmig aus. Andere hingegen als Rumänen. Sie stammen von einer Untergruppe, die ursprünglich aus Rumänien eingewandert ist und sich Kupanari nennt. Sie sprechen einen rumänischen Dialekt. Einige von ihnen haben sich bei der letzten Volkszählung als rumänischstämmig ausgegeben. Die Roma-Mehrheit betrachtet sich aber als Bulgaren. Daher gründen sich die offiziellen Angaben nur auf diejenigen, die sich ausdrücklich als romastämmig identifiziert haben. Da stellt sich natürlich die Frage, wie man bestimmt, ob jemand dieser ethnischen Minderheit angehört. Denn es gibt EU-Programme, die gezielt die Eingliederung der Roma fördern. Zugleich ist es in Bulgarien, und nicht nur, verboten Informationen, insbesondere statistische, auf Grundlage der ethnischen Herkunft zu erfassen. Also wenn sie zum Arzt gehen, darf dieser nicht fragen, ob sie sich als Roma oder Bulgare identifizieren. Da sieht man sich mit der Frage konfrontiert, wie man vorgehen soll, wenn man ein mit EU-Geldern finanziertes und für die Roma bestimmtes Projekt hat. Wie bestimmen wir mit wem wir zusammenarbeiten sollen, wenn wir eine Untergruppe haben, die wir als Roma erkennen, die sich aber selbst nicht als solche identifiziert. Zahlreiche Initiativen sind daran gescheitert, denn sie waren konkret für die Roma-Gemeinschaft bestimmt. Nur ein Beispiel. Wir waren einmal in Silistra, wo wir einen Gesundheitsmediator aus der Roma-Gemeinschaft wählen mussten. Aber es hat sich niemand beworben, denn die Leute dort meinten „das ist was für Roma, aber wir sind keine Roma, sondern Türken“.

I. Sind die Roma in Bulgarien eine homogene oder eher heterogene Gruppe? Sprechen sie dieselbe Sprache?

D: Sehr heterogen. Roma ist einfach nur ein allgemeiner Sammelbegriff. Dahinter verbergen sich viele Untergruppen. Der Begriff wird sogar teilweise stigmatisiert, denn wenn man in Bulgarien „Roma“ sagt, dann tauchen sofort negative Stereotype auf – meistens verbunden mit Kriminaldelikten oder frühe Ehen. Dieser Sammelbegriff wird als allgemeingültiger Terminus für etwas Negatives festgelegt, und das hat man meist Medien und Politikern zu verdanken, die von diesen Vorurteilen gern profitieren. In Bulgarien leben Roma sowohl christlichen als auch muslimischen Glaubens – das ist eine Art Trennlinie. Diese beiden Gruppen sind auch intern sehr vielfältig. Es gibt einschließlich Roma, die kein Romanes sprechen. Die romastämmigen Muslime, jedenfalls die Mehrheit, sprechen Türkisch, wenn auch nicht alle. Die Christen hingegen sprechen mehrheitlich Romanes, aber es gibt auch welche, die dieser Sprache nicht mächtig sind. In Nordbulgarien zum Beispiel lebt auf einem großflächigen Gebiet eine zahlreiche Untergruppe, die sich Suzumani nennt. Sie sprechen kein Romanes. Dafür sind sie aber sehr gut gebildet. In dieser Untergruppe gibt es viele Akademiker. Sie sprechen sehr gut Bulgarisch, denn eigentlich ist das ihre Muttersprache. Man sieht also, dass die Gemeinschaft der Roma sehr unterschiedlich und bunt ist. Dazu kommt auch die Differenzierung nach dem Handwerksberuf.

I: Wenn die Kenntnis der Sprache nicht ausschlaggebend ist, wie zum Beispiel bei dieser Untergruppe aus Nordbulgarien, wie erfolgt dann die ethnische Selbstbestimmung der Roma?

D: Manche Roma identifizieren sich als roma- andere als bulgarischstämmig. Sie leben ja, jedenfalls ein Teil davon, wenn auch nicht alle, in segregierten Wohnsiedlungen. Die Roma leben gemeinsam in einer Community, die wir als Außenstehende der Romabevölkerung zuordnen. Normalerweise sind das Orte in einem desolaten Zustand, mit schlechter Infrastruktur und Straßen, problematischer Trinkwasserversorgung. Oft hausen dort Großfamilien mit vielen Kindern–vier bis fünf und mehr – was für die anderen Gemeinschaften nicht sehr typisch ist.

I: Um auf die Sprache zurückzukommen, ist Romanes gleich für alle Roma?

D: Aber nein, im Laufe der Zeit haben sich Dialekte entwickelt.

I: Könne sich Roma aus verschiedenen Gegenden in dieser Sprache unterhalten? Verstehen sie sich?

D: Ja, man versteht sich. Natürlich gibt es dialektale Unterschiede, aber eher in der Aussprache der Wörter. Außerdem ist Romanes eher eine Sprache materieller Art. Sie ist mehr mit sichtbaren und greifbaren Sachen verbunden als mit abstrakten Begriffen. Sehr oft haben auch Lehnwörter aus dem Bulgarischen oder Türkischen Einzug in die Sprache gefunden, um das Leben und das Erlebte ausdrucksvoller zu gestalten.

I: Kennst du interessante Roma-Bräuche?

D: Ich bin mir so gar nicht sicher, dass ich typische Roma-Bräuche kenne. Die Mehrheit der Bräuche, die wir derzeit bei den Roma erleben, stammen von unseren Großeltern vor 100-150 Jahren, sogar die sogenannten frühen Ehen. Unsere Groß- und Urgroßmütter haben im Alter von 14-15 Jahren geheiratet und relativ früh Kinder bekommen, zudem viele Kinder. Traditionen, die mit der Jungfräulichkeit der Braut und der Ehe zu tun haben – wie der Brauch mit dem süßen Schnaps, mit dem Blut auf dem Bettlacken aus der Hochzeitsnacht – kennen wir auch aus unserer Gemeinschaft. Ein altes Brauchtum ist zum Beispiel mit der Geburt von Kindern verbunden, das sogenannte „Beschütten mit Salz“. Man hat das Neugeborene mit Salz beschüttet, wenn es nach Hause kommt, damit es Widerstandskräfte gegen schwere Krankheiten erwirbt, nicht schwitzt und gut riecht. Dieser Brauch ist immer noch lebendig, wird aber von Ort zu Ort, je nach der verwendeten Menge Salz, unterschiedlich praktiziert. Mancherorts wird er nur noch symbolisch gelebt, indem man etwas Salz in die Badewanne streut, anderorts noch im Original, wie es die Tradition verlangt, gehandhabt.

I: Erzähl mir etwas über eure Organisation. Sie ist eine Art Vermittler zwischen Staat und Roma-Gemeinschaft. 

D: Unsere Organisation nennt sich „Nationales Netzwerk der Gesundheitsmediatoren“ und wurde 2007 von den ersten, in Bulgarien eingeschulten Gesundheitsmediatoren gegründet, (damals waren sie etwa 50 Personen). Und von uns, (die damals und heute noch) ihren Ausbildern und Leuten, die sich auf nationaler und internationaler Ebene für den Einsatz von ausgebildeten Gesundheitsmediatoren engagieren und das Programm befürworten. Mit der Zeit wurde festgestellt, dass immer mehr Menschen Hilfe benötigen, damit sie Zugang zu medizinischen und sozialen Diensten bekommen, denn diese Prozesse sind mit vielen Schwierigkeiten verbunden.

I: Was versteht man eigentlich unter einen Gesundheitsmediator?

D: Der Gesundheitsmediator ist jemand, der Teil der lokalen schutzbedürftigen Völkergruppe ist. Mit schutzbedürftig meine ich nicht unbedingt Roma, wegen dem was ich vorhin sagte, dass sich nicht alle Völkergruppen, die wir Roma nennen, als solche identifizieren. Deshalb orientieren wir uns an das Kriterium „Schutzbedürftigkeit“ und an das Zusammenkommen einer gewissen Anzahl von Risikofaktoren, um eine Gemeinschaft als schutzbedürftig einzustufen. Der Gesundheitsmediator kommt aus dieser Bevölkerungsgruppe und kennt die Situation. Er ist für die Menschen dort kein Unbekannter und genießt ihr Vertrauen. Zudem spricht er ihre Sprache, was unheimlich wichtig ist, denn man sieht es auch in der Praxis, dass man Menschen ganz anders aufnimmt, wenn sie Mitglied der Gemeinschaft sind. Das Vertrauen ist einfach größer. Diese Gesundheitsmediatoren erleichtern nicht nur den Dialog zwischen Roma und medizinischen und sozialen Einrichtungen und deren Personal, sondern sie dienen als Beispiel für die Gemeinschaft, denn ihre Arbeit erfordert einen mittleren Schulabschluss und zeigt welchen Stellenwert Bildung hat. Es ist leichter die Menschen vom Sinn der Schule zu überzeugen, damit sie eine bessere Perspektive haben. Die Mehrheit der engagierten Gesundheitsmediatoren begann zudem nach einigen Jahren zu studieren, absolvierte Sozialwissenschaften, oder ließ sich als Hebammen oder Krankenschwestern ausbilden. Viele von ihnen konnten dank diesem Job ihre berufliche Laufbahn besser ausrichten und dadurch auch den Menschen in ihrer Gemeinschaft als Vorbild dienen. Deshalb würde ich sagen, dass Gesundheitsmediation ein sehr erfolgreiches Integrationsprogramm und nicht nur eine Dienstleistung ist.

I. Wie denken Roma über Bulgaren?

D: Da gehen die Antworten weit auseinander. Einerseits, trotz unserer festsitzenden Vorurteile und der generell negative Einstellung gegenüber Roma, werden wir Bulgaren von dieser Minderheitsbevölkerung als Vorbild für Erfolg bewundert. Damit meine ich unsere Bildung, die guten Berufschancen, überhaupt die Art, wie wir unser Leben organisieren – davon träumen die meisten in der Roma-Gemeinschaft. Andererseits ist auch viel Verbitterung zu spüren. Das ist leider sehr schade, insbesondere wenn man das bei den Kindern in der Schule sieht, denn vielerorts werden hierzulande roma- und bulgarischstämmige Kinder gemeinsam in der Schule unterrichtet. Zwar nicht überall, aber vielerorts ist die Klassenumgebung für beide Ethnien gleich. Vor einigen Jahren zum Beispiel schlug ein Vorfall in Montana Wellen. Ein Mann aus der Roma-Community war im Wald Holz sammeln, als ein Bulgare, der dieses Gelände als sein Eigentum betrachtete, ihn des Diebstahls bezichtigte, auf ihn losging und ihn tötete. Dies führte zu Spannungen in der Stadt, was natürlich auch Auswirkungen auf den Schulunterricht hatte. Obwohl die romastämmigen Kinder weder mit dem getöteten Mann verwandt noch sonst wie mit ihm zu tun hatten, wurden sie von den bulgarischstämmigen Kindern beleidigt. Wegen dieser tiefsitzenden Vorurteile wird für Einzeltaten die gesamte Community verurteilt und beschuldigt und leider sehen wir ein solches Benehmen nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei der Mehrheit der Lehrer. Ich treffe mich oft mit Lehrern, auch in sehr kleinen Ortschaften, wo wir versuchen den Abgang der Kinder von der Schule zu verhindern. Und wir sprechen auch über dieses Thema. Ich muss schweren Herzens sagen, dass dieselben Vorurteile auch unter den Lehrern mehrheitlich verbreitet sind. Und zwar so sehr, dass sie kaum Erwartungen an Kinder mit Roma-Hintergrund haben und glauben, dass sie sowieso versagen werden. Und insbesondere für ein Kind, das gerade am Anfang seines Lebens steht und in der Schule etwas lernen soll, ist es wirklich traurig,  wenn niemand von ihm etwas erwartet. 

I. Und wie ist die Einstellung der Bulgaren zu den Roma?

D: Na ja, wenn man bedenkt, dass wir relativ getrennt leben, ist die Einstellung der Bulgaren zu den Roma nicht sehr gut. Denn wenn man getrennt lebt, kennt man sich nicht gut und gängige Vorurteile und Stereotype werden gehegt…, dieses Schubladendenken schafft Distanz. Man empfindet den anderen als Bedrohung, weil der ja so anders ist als wir. Und das Fremde kann Angst machen. Auch von Medien und Politikern wird das Thema missbraucht, was wiederum die Kluft vertieft. Oft, wenn ich mit Freunden diskutiere, fällt ein an Roma bzw. Zigeuner gerichteter negativer Kommentar. Und wenn ich dem entgegne und sage, dass es auch andere Beispiele gibt, dann erinnert sich normalerweise mein Gesprächspartner daran, dass er jemanden aus seiner Schule bzw. seinen Arbeitsplatz kennt, der eigentlich ganz OK ist. Aber die erste spontane Reaktion ist immer mit negativen stereotypen Vorstellungen und Vorbehalten verbunden.

I: Ausgegrenzte ethnische Gruppen, denen man mit Vorurteilen begegnet, gibt es in jedem Land. Was kann man aber dagegen tun oder anders gesagt, wie kann man Vorurteile abbauen?

D: Na ja, wenn man berücksichtigt was Politikforscher über Roma veröffentlichen, und ich spreche hier rückblickend auf die vergangenen 100 Jahre, bin ich geneigt der Meinung einiger Forscher zuzustimmen, dass die beste Strategie die Einführung von Regeln ist. Aber Regeln, die für alle, ungeachtet der ethnischen Herkunft, gelten und die das Recht auf Bildung sowie Zugang zu Gesundheitsvorsorge und ärztlicher Versorgung, sowie aller Ressourcen sicherstellen. Es darf keine Privilegien für bestimmte Bevölkerungsgruppen geben, denn das wiegelt nur die anderen auf und ist im Endeffekt sogar kontraproduktiv. Überall wo ich mit Roma im Gespräch war, erfahre ich, dass diese Leute genauso von Lärmbelästigung und Ruhestörung durch die Nachbarn, sowie unbestraften Kriminaldelikten betroffen sind. Das heißt Leute, die die öffentliche Ordnung missachten, stören die eigenen Landsleute aus der Gemeinschaft. Das Problem hier ist, dass anscheinend die Regeln nicht für alle gelten. Ich möchte hier ein Beispiel mit der frühen Heirat geben. Das ist ein viel diskutiertes Thema in der Gesellschaft. Ich arbeite derzeit an einem Projekt, dass genau dieses Thema in einer kleinen Ortschaft anspricht. Dort, wortwörtlich vor zwei Wochen, wurde ein Mädchen mit 13 verheiratet. Aber von den Institutionen kam keine Reaktion. Die Lehrer weigerten sich den Vorfall zu melden und das Jugendamt ist machtlos, wenn keine schriftliche Anzeige vorliegt. Auch die Staatsanwaltschaft greift meistens bei solchen Anzeigen nicht ein und meint, das sei nur eine kulturelle Besonderheit. Was nur eine Bestätigung dessen ist, dass die Regeln nicht für alle gelten. Wäre das in der bulgarischen Community passiert, würde sich die Staatsanwaltschaft nicht mit einer kulturellen Besonderheit rausreden, sondern konsequent durchgreifen. Diese Sache mit den frühen Ehen ist selbst für die Roma-Gemeinschaft ein Problem, aber sie können es nicht alleine, ohne Hilfe von draußen, bewältigen. Und diese Hilfe bleibt aus.

I: Wie kann man das ändern?

D: Ich würde sagen, wenn jeder das Richtige tut und eigenverantwortlich handelt. Eine Lösung des Problems müsse auf die Gleichstellung aller Bürger vor dem Gesetz fußen. Im Endeffekt ist jeder für sich verantwortlich so zu reagieren, wie es richtig ist. Ich weiß nicht. Es ist schwer zu sagen, was gemacht werden soll, wenn die Reaktion des Staates ausbleibt, jeder auf sich gestellt ist und nach eigenem Gewissen handeln muss.

I: Liegt es am fehlenden politischen Willen der Regierung wirksame Ergebnisse zu erreichen oder an ungenügend Geldmittel?

D: Ich glaube es scheitert nicht am Geld, sondern an Inkompetenz vor Ort, den fehlenden Willen Verständnis aufzubringen und natürlich an Interessen, denn auf dem politischen Schachbrett werden die Roma immer sehr gut ausgespielt. Sie werden im wahrsten Sinne des Wortes als Ressourcen betrachtet, die mit einfachen Bewegungen hin und hergeschoben werden können. Immer wenn etwas in Bulgarien schiefläuft oder ein großer politischer Skandal die Runde macht, passiert zwei drei Tage später ein Vorfall, der Wellen schlägt und Ablenkung verschafft – entweder haben sich zwei Roma-Clans geprügelt und es gab Tote, oder die Roma müssen anderswie als Sündenböcke herhalten, d.h. die ethnische Karte wird immer wieder ins Spiel gebracht.

I: Was begeistert dich bei den Roma?

D: Ihre Großzügigkeit und Offenheit. Sie begegnen anderen Menschen und der Welt generell mit Neugier. Sie sind was ihre Umgebung anbelangt sehr aufnahmefähig. Aber was mich am meisten beeindruckt, ist ihre Großzügigkeit und die Gastfreundschaft von sehr armen Menschen.

I: Ist es das, was wir von den Roma lernen können?

D: Ja, wahrscheinlich. Diese Offenheit ist bei uns mit der Zeit verlorengegangen.

I: Wie leben Zigeuner heutzutage? Wie verläuft ihr Alltag?

D: Die Mehrheit der Zigeuner ist heutzutage wieder ein wanderndes Volk. Aber diesmal wandern sie aus Bulgarien aus, um Arbeit vorwiegend in Westeuropa zu finden. Viele von ihnen gehen nach Deutschland, aber auch nach Spanien, Großbritannien, den Niederlanden. Sie sind mittlerweile überall präsent. Und wenn man heute die Roma-Viertel betrachtet, dann bestätigt sich das, was ich vorhin über ihre kulturelle Aufnahmefähigkeit gesagt habe. Es gibt Roma-Wohnsiedlungen, wo man beim Durchqueren sofort denkt: “Aha, diese Leute sind in den Niederlanden beschäftigt”, weil es dort ganz typische Vorhänge gibt. Oder “Aha, diese arbeiten in Deutschland”, weil man überall an den Fenstern Petunien sieht. Die Leute fahren viel und mit einem Höchstmaß an Mut. Bis vor 10 Jahren fuhren sie ohne die Kinder, aber in letzter Zeit nehmen sie die Kinder mit. Ganze Familien fahren, um im Westen im Niedriglohnsektor zu arbeiten. Und da werden sie immer noch besser bezahlt, als wenn sie einer Beschäftigung in Bulgarien nachgingen. Die Mehrheit investiert dann hier in den eigenen Häusern in den Roma-Vierteln und kommt, auch wenn nur für kurze Zeit, zurück. Von daher kann man diesen kulturellen Austausch sehr klar sehen. Ich muss sagen, dass sich dank Freizügigkeit und der Möglichkeit in Europa zu leben und zu arbeiten, die Roma-Viertel zum Guten geändert haben. Vieles ändert sich, die Community wird weltoffener, neue Verhaltensmuster werden ausprobiert. Es ist ziemlich bunt. Zudem hatte diese dreimonatige Ausnahmesituation wegen der Pandemie etwas sehr positives. In vielen Roma-Wohngemeinschaften organisierten Gesundheitsmediatoren tolle Spendenkampagnen. Im Ausland beschäftigte Roma schickten Geld und die Mediatoren kauften damit Lebensmittel und verteilten sie mehrmals unter den Armen. Das war eine tolle Unterstützung. Obwohl in Europa beschäftigt, betrachtet die Mehrheit der Roma Bulgarien als Heimat. Sie wollen zurück und schicken Geld nach Bulgarien.

I: Viele Deutsche fürchten sich vor niedrig qualifizierten Ausländern und deren Bräuche, die nicht immer in das lokale Weltbild passen.

D: Na ja, viele Roma unterwerfen sich in Deutschland türkischen Clan-Chefs. Die haben dort viel früher Fuß gefasst. Die türkischsprachigen Roma schaffen es dank der Türken Arbeitet zu finden. Typisch für Türken aber ist, dass sie gern in ihrer eigenen Gemeinschaft unter sich bleiben. Sie sind genau das Gegenteil von Roma, die sehr aufgeschlossen und aufnahmefähig sind. Die Mehrheit der türkischsprachigen Roma, die in einer solchen Gemeinschaft landen, beginnt sich auch abzukapseln. Die romanessprachigen Roma sind nicht gewillt sich ähnlich wie die Muslime zu verschließen.

I: Kommen die nach Westeuropa pendelnden Roma aus beiden Gemeinschaften, der türkisch- bzw. muslimischstämmigen und der christlichen Gemeinschaft?

D: Ja, aus beiden Gemeinschaften. Ein ehemaliger Gesundheitsmediator, türkischsprachig, der mit seiner ganzen Familie nach Deutschland ausgewandert ist, schrieb mir zwei Monate später: „Wer hier kein Deutsch lernt, wird auf Lebzeiten von den Türken versklavt“. Deshalb ist es auch das Ziel der meisten Roma, die in Deutschland ansässig werden, so schnell wie möglich Deutsch zu lernen, um sich zu integrieren und selbständig arbeiten zu können. Dadurch können sie sich von dieser geschlossenen „Kapsel“ lösen, die sie ansonsten brauchen, wenn sie der Sprache nicht mächtig sind, denn dort finden sie Halt.

I: Vielen Dank für das interessante Gespräch!

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